Ein offenes Mitmach-Projekt
Wo die Stadt Menschen verdrängt
Bänke mit Trennbügeln, Steine unter Brücken, Dauerbeschallung im Bahnhof: Defensive Architektur macht öffentliche Räume ungemütlich. Vor allem für wohnungslose Menschen, aber auch für Ältere und alle, die einfach mal eine Pause brauchen. Wir machen sie sichtbar. Mit deiner Hilfe.
Schon kartiert: Orte von Berlin bis Wien.

Was ist defensive Architektur?
Defensive Architektur ist die gezielte Gestaltung des öffentlichen Raums zur Verhaltenssteuerung und zum Ausschluss unerwünschter Nutzungen oder Personengruppen.
(vgl. Petty 2016; Tenz 2020; de Fine Licht 2017)
Auch bekannt als: hostile architecture, hostile design, menschenfeindliche oder Anti-Obdachlosen-Architektur.
Dazu gehören Metallstifte auf Mauervorsprüngen, Bänke mit Trennbügeln, Steine auf Freiflächen, Gitter vor Nischen oder Dauerbeschallung in Bahnhöfen. Vieles davon fällt erst auf den zweiten Blick auf.
Begründet wird sie meist mit Sicherheit und Ordnung. Betroffen sind vor allem Menschen, die besonders auf öffentliche Räume angewiesen sind: wohnungslose Menschen, Jugendliche, Menschen in Armut. Aber auch Ältere oder Menschen mit Behinderung, die unterwegs eine Sitzgelegenheit brauchen.
Nicht alles, was unbequem ist, ist gleich Defensive Architektur. Entscheidend ist, ob eine Gestaltung gezielt bestimmte Nutzungen oder Menschen fernhalten soll.
Das eigentliche Problem löst sie nicht. Es fehlt an sicheren und sozialen Räumen, und Menschen werden nur von einem Ort zum nächsten verdrängt.
Sieben Formen defensiver Architektur
Manche erkennt man sofort, andere erst auf den zweiten Blick. Nach diesen Kategorien kannst du auch auf der Karte filtern.

Sitzmöglichkeiten
Mittellehnen, Einzelsitze oder unbequeme Sitzblöcke.
Ziel: Liegen und längeres Sitzen verhindern

Oberflächen
Pflanzkübel, Findlinge, Noppen oder unebene Beläge.
Ziel: Flächen unbenutzbar machen

Absperrungen
Zäune, Gitter und Mauern vor Nischen, Eingängen und Grünflächen.
Ziel: Rückzugsorte verschließen

Überwachung
Kameras und Bewegungsmelder an Plätzen und in Bahnhöfen.
Ziel: Gefühl ständiger Beobachtung erzeugen

Leisten
Metallleisten, Spitzen oder abgeschrägte Kanten an Mauern und Simsen.
Ziel: Sitzen und Skaten verhindern

Licht + Ton
Grelles Licht, laute Töne oder Dauerbeschallung mit Musik.
Ziel: Aufenthaltsdauer reduzieren

Fehlende Infrastruktur
Fehlende Sitzgelegenheiten, keine Toiletten, kein Schutz vor Wetter.
Ziel: Durchgang statt Aufenthalt fördern
So machst du mit
Du brauchst nur dein Handy und ein paar Minuten.
1
Entdecken
Wo kann man nicht sitzen, nicht liegen, nicht bleiben? Halte im Alltag die Augen offen.
2
Eintragen
Öffne die Karte, tippe auf „Neuer Beitrag“, setze den Ort und wähle eine Kategorie. Ein, zwei Sätze reichen.
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Diskutieren
Kommentiere und bewerte andere Einträge. So werden aus Einzelfällen Muster.
Die Karte wächst mit jedem Beitrag
Menschen in ganz Deutschland haben schon Defensive Architektur in ihrer Stadt eingetragen. Filtere nach Kategorien, entdecke Orte in deiner Nähe und ergänze, was fehlt.
Die Karte läuft auf der Beteiligungsplattform Senf. Dort gilt deren Datenschutzerklärung.
Es geht auch anders
Öffentlicher Raum kann einladend sein, für alle. Was dabei hilft:
- Bänke mit Rückenlehne und ausreichend großer Sitzfläche
- Kostenlose öffentliche Toiletten und Trinkbrunnen
- Überdachte Orte ohne Konsumzwang
- Wohn- und Schutzangebote für wohnungslose Menschen
- Beteiligung der Menschen, die öffentliche Räume am meisten nutzen
Was du tun kannst
- Orte eintragen und das Projekt teilen
- Deine Stadtverwaltung auf konkrete Orte ansprechen. Die Karte liefert dir Beispiele.
- Initiativen der Wohnungslosenhilfe und Straßenzeitungen unterstützen
- Einen Vortrag oder Workshop anfragen
Hintergrund & Literatur
Zwei Ansätze aus der Forschung helfen, Defensive Architektur einzuordnen:
Zwei Narrative über Ordnung und Sicherheit (Tenz 2020)
Raum ist bedroht und muss geschützt werden. Öffentliche Räume gelten als gefährdet durch Unordnung, Verfall oder „Randgruppen“. Ziel sind Kontrolle und Schutz, Mittel sind defensive Architektur und Kriminalprävention, etwa nach dem Konzept des defensible space.
Raum wird feindselig und ausgrenzend gestaltet. Die Gegenperspektive kritisiert, dass solche Maßnahmen marginalisierte Gruppen verdrängen und Armut unsichtbar machen. Soziale Ungleichheit bleibt bestehen.
In beiden Fällen bleibt das Grundproblem ungelöst: der Mangel an sozialen und sicheren Räumen.
Vier Dimensionen der Verdrängung (Wehrheim 2012)
Nach Wehrheim (2012) werden sozial benachteiligte Menschen über vier Dimensionen aus dem öffentlichen Raum verdrängt, die oft zusammenwirken:
- Recht: Aufenthalts- und Bettelverbote oder die Privatisierung öffentlicher Räume regeln, wer sich wo aufhalten darf.
- Personal: Polizei und private Sicherheitsdienste kontrollieren und verdrängen Menschen, etwa durch Platzverweise.
- Technik: Videokameras und Bewegungsmelder schrecken ab und fördern die Anpassung an soziale Normen.
- Architektur: Stachelige Oberflächen, Einzelbänke oder das Entfernen von Rückzugsorten machen den Aufenthalt unattraktiv.
Weitere Literatur
- de Fine Licht, K. (2017): Hostile urban architecture: A critical discussion of the seemingly offensive art of keeping people away. Etikk i praksis 11 (2), 27–44. DOI
- Petty, J. (2016): The London Spikes Controversy: Homelessness, Urban Securitisation and the Question of ‘Hostile Architecture’. International Journal for Crime, Justice and Social Democracy 5 (1), 67–81. DOI
- Rosenberger, R. (2017): Callous Objects. Designs against the Homeless. Minneapolis: University of Minnesota Press.
- Smith, N. & Walters, P. (2018): Desire lines and defensive architecture in modern urban environments. Urban Studies 55 (13), 2980–2995.
- Tenz, E. M. (2020): Wehrhafte Räume oder defensive Architektur? Politische Erzählungen über Ordnungs- und Sicherheitsarchitekturen in öffentlichen Räumen im Kontext von Wohnungslosigkeit. vhw werkSTADT, Nr. 49. PDF
- Wehrheim, J. (2012): Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. Stadt, Raum und Gesellschaft, Bd. 17.
- SWR Kultur (2023): Defensive Architektur: Wie ein Baustil Obdachlose aus der Stadt verdrängt. Zum Beitrag
- ZDF (2023): Defensive Architektur: Wie Obdachlose in Städten ferngehalten werden. Zum Beitrag
Über das Projekt
„Bei meiner Bachelorarbeit zu Wohnungslosigkeit in Bonn bin ich immer wieder auf Defensive Architektur gestoßen. Was fehlte, waren Daten: Sind das Einzelfälle oder ist es ein strukturelles Problem?“
Linus Laube, Geograph und Initiator · LinkedIn · Instagram
DefensiveArchitektur.org macht aus Beobachtungen Dokumentation. Alle können Orte mit Foto, Beschreibung und Kategorie eintragen. So werden aus Einzelfällen Muster sichtbar: welche Maßnahmen wo auftreten und welche Räume besonders betroffen sind. Die Karte ist damit auch eine Grundlage für Kritik und Veränderung.
Vorträge, Workshops & Interviews
Du möchtest das Thema an deine Hochschule, Schule, Initiative oder Redaktion bringen? Wir bieten Vorträge, Workshops, Diskussionsformate und Interviews an.
Häufige Fragen
Wer kann mitmachen?
Alle, die sich für den öffentlichen Raum interessieren: Anwohner*innen, Studierende, Fachleute oder aufmerksame Spaziergänger*innen. Vorwissen brauchst du nicht.
Wie trage ich einen Ort ein?
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Kann ich anonym teilnehmen?
Ja. Achte nur darauf, dass Text und Fotos keine persönlichen Angaben enthalten, weder deine noch die anderer Menschen.
Was passiert mit meinem Beitrag?
Dein Beitrag erscheint öffentlich auf der Karte. Die gesammelten Einträge fließen in die Analyse Defensiver Architektur ein, schärfen das Bewusstsein für das Thema und dienen als Grundlage für Vorschläge zur Umgestaltung öffentlicher Räume.
Kann ich einen Vortrag, Workshop oder ein Interview anfragen?
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